2.6.1991: Deggendorfer fuhren nach Prag
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Rainbow 
"Bei der Grenzöffnung waren tausend Deggendorfer eine Nase voraus", könnte die Schlagzeile einer Lokalzeitung vom 4. Juni 1991 übersetzt werden.

Zwei Tage zuvor, am Sonntag, 2. Juni, vor 30 Jahren, überquerte der erste Zug den gefallenen Eisernen Vorhang von Bayerisch Eisenstein nach Prag. Er verließ Deggendorf um 5.50 Uhr und beförderte den bayerischen Staatspräsidenten Wilhelm Vorndran, den Oberbürgermeister Dieter Görlitz, die Medien, aber auch gewöhnliche Leute und die Stadtkapelle mit Kapellmeister Karlheinz Löfflmann als Sonderzug.
Die Abfahrt war eine logistische Herausforderung – ein Zug mit zwölf Waggons und zwei Lokomotiven war 500 Meter lang, doppelt so lang wie der Bahnsteig. Der Bahnhof behalf sich mit hölzernen Hilfsbahnsteigen.
"Erst nachdem die Deggendorfer nach Empfang durch Bürgermeister Josef Gabriel Weißwürste in einem großen Zelt gegessen hatten und die Grenzstation in Bayerisch Eisenstein Richtung Böhmen verließen, kam Bundeskanzler Helmut Kohl mit einem Hubschrauber an", schreibt die PNP(Passauer Neue Presse). „Er hat den Bahnhof vor 20.000 Zuschauern und damit die Grenze offiziell eröffnet. Die Deggendorfer waren also wirklich vor ihm, um eine Nase voraus…“
Die Teilnehmer erinnern sich besonders gut an den Empfang in Prag beim Parlamentspräsidenten Alexander Dubček, einer historisch bedeutenden Persönlichkeit, Initiator des von der Sowjetunion gewaltsam vernichteten Prager Frühlings 1968, schildert die Passauer Tageszeitung und erinnert daran, dass er nach dem Fall der Grenzen erneut die Szene betrat, um als zweiter Mann im Staate nach Václav Havel die Tschechoslowakei in ein freies Europa zu integrieren.
„Für viele Passagiere aus Deggendorf war ein Besuch in Prag, der mit einem Empfang im Kulturpalast begann, eine Rückkehr in ihre alte Heimat“, heißt es weiter. „Mit Tränen in den Augen erlebten die einstigen Flüchtlinge und Vertriebenen diese endlich wiedererlangte Freiheit…“
Nach dem Mittagessen besichtigten die bayerische Gäste in 23 Bussen Prag, darunter die Burg und den Wenzelsplatz, und vor dem Einsteigen in den Zug bot die Blaskapelle Deggendorf ein weiteres beeindruckendes Erlebnis – sie spielte laut PNP die tschechische und die deutsche Hymne. Um Mitternacht war die Expedition wieder am Gleis 1 ihrer Stadt.
Natürlich musste die Reise vorbereitet werden. Günther Löffelmann hatte zuvor "Knödelexpresse" organisiert, doch Anfang Juni sollte keiner fahren, die Deutsche Bahn hatte den Fahrplan geändert. Löffelmann und Fritz Huber mussten sich die außergewöhnliche Reise erkämpfen. Gleichzeitig öffnete Dieter Görlitz bei der bayerischen Regierung und dem Landtagspräsidenten Wilhelm Vorndran die Tore. Der musste den Zug begleiten, um die Anforderungen des Protokolls des Besuchs bei der tschechoslowakischen Regierung zu erfüllen. Löffelmann arrangierte dies über seinen Freund Bohuslav Balcar, einen Schriftsteller und Übersetzer aus Domažlice, und den Abgeordneten Karel Stome. Alexander Dubček empfing am Donnerstag vor der Abreise eine Delegation der Reiseveranstalter in Prag und versicherte ihnen, dass er sich auf die Deggendorfer freue.
„Auf der sechsstündigen Rückfahrt hatten sich die Teilnehmer viel zu erzählen. Und in den beiden Speisewagen des Zugs war der Proviant schon vor Železná Ruda verbraucht“, schließt die PNP mit dem Zitat eines 30 Jahre alten Berichts von Redakteur Harry Bauer, der die Delegation begleitete…

Das Bild zeigt die Tourveranstalter Günther Löffelmann (links) und Fritz Huber, das kleine Bild zeigt die Fahrkarte von damals.

Quelle: https://jindrichohradecky.denik.cz/zprav...10610.html
Gruß aus Weixdorf vom Bahnsteig
Seid nett zueinander  Heart
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