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[RS] 24.05.2010 - Eindrücke aus Beograd oder "Auf den Hund gekommen" - Druckversion

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[RS] 24.05.2010 - Eindrücke aus Beograd oder "Auf den Hund gekommen" - aw1975 - 24.05.2021

Geschätzte Eisenbahnfreunde

Am 24.05.2010 war ich auf dem Weg von Požega in die Schweiz (Korrektur: nach Tschechien und dann in die Schweiz). Dabei unterbrach ich die Reise für eine Nacht in Beograd. In Požega hatte ich an den Tagen zuvor - wieder einmal - beim Sport fotografiert und nachdem ich die Fahrt von Beograd aus mit dem Zug auf der Hinreise jetzt nicht unbedingt als so vom Hocker reissend empfand, nahm ich das Angebot, mit einem Funktionär vom Serbischen Handballverband mit dem Auto nach Beograd zu fahren, gerne an. Dabei wurden wir prompt "geblitzt", was jedoch ohne Quittung u.a. mit einem schönen Souvenir vom Handballverband geregelt wurde, schliesslich eilte es, die Schiedsrichterinnen mussten zum Flughafen gebracht werden.

Nachdem ich ein Zimmer bezogen hatte, begab ich mich zum Bahnhof, um ein paar Fotos vom Betrieb zu machen.

Nach einem schönen Erlebnis zu Beginn, entstanden somit ein paar Bilder...

Ein Personenzug nach Novi Sad hat den Abfahrbefehl erhalten:

[Bild: 51200187741_74d291fc26_c.jpg]

Alles was die Aufsicht braucht:

[Bild: 51200187691_07b7f9f564_c.jpg]

In diesem Zusammenhang etwas zu der Betriebsabwicklung, der Bahnhof verfügte nur über Handweichen, die von diversen Posten gestellt wurden, Ausfahrsignale waren keine vorhanden und so erhielt jeweils die Aufsicht mündlich den Auftrag, einen Zug abzufertigen. Dieser Auftrag wurde in dem unter der Mütze liegenden Register eingetragen. An der Mütze übrigens bereits das Logo der "Eisenbahnen Serbiens", der "Železnice Srbije". 

Dieser Zugführer hingegen trug noch die alten Abzeichen der "Jugoslovenske Železnice", die 2004 in "Železnice Srbije" umbenannt wurde, an seiner Uniform:

[Bild: 51199474382_f9597e8fff_b.jpg]

Bereits 2010 war der Verkehr stark zurückgegangen und so konnte problemlos der Nachtzug nach Bar bereits am späten Nachmittag ein Gleis belegen:

[Bild: 51200394318_bf95f63a67_b.jpg]

Der Beschriftung nach (Ac) handelt es sich hier um einen Liegewagen 1. Klasse... Ja, eingestellt in den Nachtzug und nicht irgendwo abgestellt beim Schrotthändler...

[Bild: 51200187566_e3fc569280_c.jpg]

Vom Rollmaterial her könnte das Einfahrt des Tageszuges aus Bar gewesen sein, rechts auf dem Bahnsteig ein Wärterposten, davor haben es sich 3 Weichenwärter gemütlich gemacht:

[Bild: 51200966184_c4d120c663_c.jpg]

Der Zug war gut besetzt, der Zugführer hatte seinen Platz auf dem Trittbrett bereits eingenommen und irgendwie erinnerte mich die Szene an die früheren Gastarbeiterzüge:

[Bild: 51200187471_3491726b49_c.jpg]

Danach kehrte wieder Ruhe ein, nun gehörte der Bahnhof wieder den streunenden Hunden, was mich auf den Titel "Auf den Hund gekommen" brachte, der Gleiszustand war es übrigens auch, in Schrittgeschwindigkeit fuhren die Züge ein und aus, im Hintergrund ein Schlafwagen, in diesem oder einem ähnlichen Exemplar war ich auf der Hinfahrt von Villach nach Beograd gefahren:

[Bild: 51200394143_48de5542a5_c.jpg]

Dann bewegte sich noch einmal etwas, dem Rollmaterial nach müsste das ein Intercity nach Novi Sad gewesen sein:

[Bild: 51201252510_0b48d7f1a9_c.jpg]

Gleichzeitig fuhr auch ein Zug aus der Gegenrichtung in den Bahnhof ein, dummerweise drückte ich ein wenig zu spät ab, typisch auch für Beograd, der Zug rollte noch in den Bahnhof, im Vorfeld wurde bereits rege ausgestiegen und kreuz und quer über die Gleise ging jeder von dannen: 

[Bild: 51201252485_458ef1d846_c.jpg]

Irgendwann waren die beiden Züge aneinander vorbeigerumpelt, fast 45 Sekunden dauerte das gemäss der Aufnahmezeit, hinter der Lok das Stellwerk, wo die Fahrdienstleiter sassen:

[Bild: 51199474062_b56ec68e11_c.jpg]

Ich hoffe, die Eindrücke von dem in gewisser Weise "Endzeit Stimmung" verbreitenden Betrieb am Hauptbahnhof von Beograd gefallen Euch. Immerhin verkehrten zu diesem Zeitpunkt doch noch einige internationale Züge, diverse Kurswagenläufe wie zum Beispiel Wien - Sofia bestanden noch, wenige Jahre später war der Betrieb dann wirklich auf ein Minimum reduziert, vermutlich fehlte es schlicht und einfach auch ein einsatzfähigem Rollmaterial. 

Damals zog ich weiter, vermutlich mit dem Gedanken im Kopf, mit welchen Gefühlen und Gedanken gehen die Eisenbahner wohl zur Arbeit? Kann man sich da zur Arbeit noch motivieren, wenn man sieht, wie die Eisenbahn vor die Hunde geht? Wenn der Betrieb immer bedeutungsloser wird und das vor dem Hintergrund, was für eine Bedeutung die Eisenbahn in Jugoslawien einst hatte... Ja, zumindest einen motivierten Mitarbeiter hatte ich an diesem Tag kennengelernt! Und Jahre später erlebte ich die Vorfreude beim Personal im Hinblick auf die Lieferung der "FLIRT" von "Stadler"!

Viele Grüsse
Alex